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Gleichnis von den anvertrauten Talenten
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Als Gleichnis von den anvertrauten Talenten werden zwei neutestamentliche Gleichniserzählungen bezeichnet, die im Matthäus- und Lukasevangelium ähnlich überliefert sind. Jesus schildert einen Herrn, der seine Knechte reich mit finanziellen Mitteln ausstattet, sich dann auf Reisen begibt und nach seiner Rückkehr Abrechnung hält. Die ersten beiden Knechte erwirtschaften Gewinn und werden ihren Leistungen gemäß entlohnt. Das Geld des Letzten hingegen, der aus Angst gar nichts investierte und es stattdessen verbarg, lässt der Herr wegnehmen und spricht es nach dem Grundsatz „Wer hat, dem wird gegeben werden; wer nicht hat, dem wird genommen werden“ dem Erfolgreichsten zu.

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Wortlaut
Zusammenfassung
Kontext
Das Gleichnis ist bei Lukas und Matthäus in zwei ähnlichen Versionen überliefert, die sich jedoch in einigen Einzelheiten unterscheiden:
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Struktur
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Unterschiede
Matthäus schildert offenkundig einen Handelsmann, der seine drei Knechte mit Talenten[1] gemäß ihren spezifischen Fähigkeiten in unterschiedlicher Höhe ausstattet und sich auf eine Reise begibt, deren Zweck nicht näher beschrieben wird. Bei Lukas hingegen handelt es sich um einen Adeligen, der zehn seiner Knechte jeweils eine Mine anvertraut und sich dann auf den Weg zu seiner Inthronisation begibt, auf dem er mancherlei Anfeindungen ausgesetzt ist. Matthäus schildert das Wachstum der investierten Mittel. Der Begabteste erwirtschaftet eine Endsumme von zehn Talenten, der zweite eine von vier Talenten. Die Entlohnung für beide, die beide ihr Anfangskapital verdoppelten, erfolgt aber in gleicher Höhe: „Du warst im Kleinen … treu …, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ Lukas wiederum orientiert die Entlohnung am Ergebnis der Vermögensverwaltung: 10 Minen werden mit der Herrschaft über 10 Städte, 5 Minen mit der über 5 Städte vergolten. Wie die verbleibenden sieben Knechte ausgehen, ist erzähltechnisch irrelevant. Der Letzte ist der Dritte, der bei Lukas das Geld verpackt bei sich behält, es bei Matthäus in der Erde vergräbt. Bei Matthäus straft der Herr den Knecht durch den Ausschluss in jenen Bereich, wo „Heulen und Zähneklappern“ herrschen. Bei Lukas ruft der Herr abschließend noch dazu auf, seine Feinde, welche ihn nicht als ihren König wollen, zu ergreifen und vor seinen Augen zu töten.
Quellentheorie und Abhängigkeiten
Die historisch-kritische Exegese erkennt als Grundlage der neutestamentlichen Gleichnisse einen Text aus der Logienquelle („Q“). Dieser habe die Teile Lk 19,12–13.15–24.26 umfasst. Lukas habe mit Lk 19,14–15a.25 (gescheiterte Vereitelung der Königswürde des Vornehmen) ein zweites eigenes Thema hinzugefügt, das Kritik an den Feinden Jesu übt, die seine bevorstehende Inthronisation in Jerusalem verhindern wollen.[2]
Die Fassung des Matthäus neigt zu drastischerer und differenzierterer Darstellung. Die Knechte erhalten unterschiedliche Geldbeträge, die zudem erheblich größer sind als bei Q/Lk (s. Maße und Gewichte in der Bibel). Der letzte Knecht wird nicht nur kritisiert, sondern ausdrücklich mit dem Attribut „faul“ gekennzeichnet. Mit der Bestrafung in der „Finsternis“ erreicht das Gleichnis bei Matthäus einen eigenen Höhepunkt. Dabei handelt es sich wohl um eine redaktionelle Ergänzung durch Matthäus, der dadurch größeres Gewicht auf den eschatologischen Aspekt der Erzählung legt und dabei insbesondere den Strafaspekt des Jüngsten Gerichts betont. Eine weitere Verurteilung des Letzten wird bei Lukas nicht ausgesprochen.[3]
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Interpretationen
Zusammenfassung
Kontext

Meist wird das Gleichnis folgendermaßen interpretiert: Der Mensch, insbesondere der Christ, erfährt sich als talentiert, mit Gaben ausgestattet, die er „in Treue“ zu verwalten und zu mehren hat. Es besteht das Risiko ihres Verlustes, sollten sie nicht zum Einsatz kommen. „Haben“ bedeutet über Talente zu verfügen und mit ihnen zu wirtschaften. „Wer hat, dem wird gegeben“ kann hier soviel heißen wie: „Eigentum verpflichtet“, materiell und darüber hinaus.

Wenn sich auch beide Gleichnistexte formal ähneln, werden doch inhaltliche und kontextuelle Unterschiede erkennbar. Die Nachbarschaft zum vorausgehenden matthäischen Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1–13) und dem nachfolgenden Gleichnis vom Weltgericht (Matthäus 25,31–46) verweist auf den Charakter der Erzählung als Parusie-Gleichnis. Das jeweils plötzliche Hereinbrechen mit der Möglichkeit, zu spät zu kommen und verurteilt zu werden, verleihen der Matthäus-Fassung einen ethisierenden Charakter.
Durch die Nachbarschaft der lukanischen Fassung zu vorausgehenden Begegnungen mit Pharisäern, so Zachäus (Lukas 19,1–10), wird das Gleichnis vielfach als eine Kritik an dieser Gruppe gesehen.[4] Mit Gestalt des reisenden Königsanwärters schlägt das Gleichnis eine Brücke zu dem anschließenden Einzug in Jerusalem (Lukas 19,28 ff.) als Weg des angehenden Königs der Juden zu seiner Proklamation. Jesus erzählt das Gleichnis auf dem Weg nach Jerusalem. Dem Zuhörer oder Leser des Gleichnisses fällt die Nähe Jesu zum Herrn im Gleichnis auf. Somit geht aus dem Gleichnis auch eine weitere, wenn auch metaphorische Ankündigung des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu hervor.
Luise Schottroff hingegen interpretiert das Gleichnis bei Lukas dahingehend, dass es sich beim Königsanwärter nicht um Jesus von Nazaret handle, sondern um einen der herodianischen Könige, die sich in Rom mit der Königswürde ausstatten lassen mussten. Sie belegt das mit Auszügen aus Flavius Josephus, der von solchen Delegationen und dem Umgang mit dem Widerstand dagegen berichtet.
William R. Herzog interpretiert das Gleichnis eher als Bloßstellung eines strengen und profitgierigen Herren.[5] Den Diener, der ihm das ins Gesicht sagt und ihm nur sein Grundkapital sicher zurückgibt, bestraft er durch Verstoßung.
In anderen Interpretationen werden die anvertrauten Talente als das, von Jesus geschenkte, Evangelium angesehen, welches in der Welt vermehrt werden soll. Jesu Nachfolger haben dabei die Aufgabe dieses Evangelium verantwortlich zu nutzen, um es zu vermehren. Das der dritte Knecht sein Talent ungenutzt zurückgibt ist deshalb verwerflich, da es mit einem Menschen zu vergleichen ist, welcher das Evangelium kennt, aber es weder selbst vermehrt noch andere dabei unterstützt es zu vermehren.[6]
Im Wohlstandsevangelium wird das Gleichnis einerseits als Abkehr vom Glauben an das Jenseits, andererseits als Bejahung des Kapitalismus angesehen.[7]
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Sprachliches
Die heute übliche Bedeutung des Wortes Talent im Sinne von Begabung ist auf dieses Gleichnis zurückzuführen.[8]
Die Redewendung Mit seinen Pfunden wuchern ist der Lukasvariante des Gleichnisses entnommen. Denn Luther übersetzte ursprünglich die Währungseinheit Minen mit Pfunden und das Wort Zinsen mit Wucher.[9]
Die Wendung Wer hat, dem wird gegeben wurde als „Matthäus-Effekt“, ein „Grundgesetz“ jeder handlungsbezogenen Soziologie, bekannt.
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Siehe auch
Literatur
- Christian Münch: Gewinnen oder Verlieren (Von den anvertrauten Geldern). In: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, S. 240–254, ISBN 978-3-579-08020-8
Weblinks
Commons: Gleichnis von den anvertrauten Talenten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Einzelnachweise
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