Das Frühlings-Adonisröschen oder der Frühlings-Adonis (Adonis vernalis) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Adonisröschen (Adonis) in der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Als Frühblüher bildet es bereits im April seine auffälligen gelben Blüten aus. In Zentraleuropa ist die Art gefährdet und steht unter Naturschutz.

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Frühlings-Adonisröschen

Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis)

Systematik
Ordnung: Hahnenfußartige (Ranunculales)
Familie: Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae)
Unterfamilie: Ranunculoideae
Tribus: Adonideae
Gattung: Adonisröschen (Adonis)
Art: Frühlings-Adonisröschen
Wissenschaftlicher Name
Adonis vernalis
L.
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Beschreibung und Ökologie

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Illustration in Köhler’s Medizinal-Pflanzen Gera 1887

Allgemeine Merkmale und Blätter

Das Frühlings-Adonisröschen ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 10 bis 40, selten bis zu 60 Zentimetern erreicht. Als Speicherorgan dient ein kräftiges Rhizom, dem zum Austrieb zahlreiche Sprosse entspringen.[1] Wie für einen Hemikryptophyten typisch, befinden sich die Überdauerungsknospen an der krautigen Sprossachse nahe der Erdoberfläche und werden durch die Laubdecke oder abgestorbene Blätter geschützt.[2] Das Wurzelsystem ist reich verzweigt und reicht bis zu 1 Meter tief. Die vegetative Vermehrung wird über das Rhizom sichergestellt.[2]

Die meist unverzweigten Stängel wachsen aufrecht. Die fast sitzenden Laubblätter sind wechselständig an der Sprossachse angeordnet. Sie sind ein- bis vierfach fiederschnittig (= fein gefiedert). wobei die einzelnen hellgrünen Fiederchen eine linealische Form aufweisen.[3]

Blüte und Blütenökologie

Dicht unterhalb jeder Blüte befindet sich ein Kranz gefiederter Laubblätter. Die endständigen Einzelblüten messen 4 bis 8 Zentimeter im Durchmesser. Eingeleitet wird die Blüte von fünf breit-eiförmigen, weich behaarten bräunlichen Kelchblättern. Sie liegen eng den spiralig gestellten Kronblättern an. Die zehn bis zwanzig freien Kronblätter sind schmal-keilförmig, 20 bis 40 Millimeter lang und besitzen eine leuchtend (hell)gelbe Farbe. Diese Farbgebung wird durch Flavonglycoside hervorgerufen. Zahlreiche gelbe Staubblätter säumen die ebenfalls in Vielzahl vorhandenen unverwachsenen Fruchtblätter, botanisch als chorikarpes Gynoceum bezeichnet.

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Blüte im Sonnenschein

Bei Sonnenschein öffnen sich die Blüten, breiten ihre Blütenhüllblätter aus und wenden sich der Sonne zu.[1] Blütenökologisch handelt sich um vorweibliche Scheibenblumen, die ein hohes Pollenangebot für Bestäuber bereithalten. Nektar wird nicht gebildet. Typische Bestäuber sind pollensammelnde Bienen und pollenfressende Fliegen.[1]

Frucht und Ausbreitungsökologie

Die zahlreichen Fruchtblätter entwickeln sich nach erfolgreicher Befruchtung zu Nüsschen, die dicht der mittlerweile verlängerten Blütenachse ansitzen und in ihrer Gesamtheit als Sammelnussfrucht bezeichnet werden. Die in der kugeligen Sammelfrucht enthaltenen eiförmigen Nüsschen werden etwa 5 Millimeter lang. Sie sind zerstreut kurz weiß behaart. Das Exokarp weist eine netznervige Struktur auf. An der Spitze befindet sich der Griffelrest in Form eines hakenförmigen Schnabels. An der Basis der Frucht besteht das Exokarp aus nährstoffhaltigen Zellen, dem Elaiosom.[1]

Die bei Reife ausgetrockneten, hellbraunen Nüsschen fallen einzeln von der Blütenachse ab. Vom Elaiosom angelockte Ameisen übernehmen die weitere Ausbreitung (Myrmekochorie).[1]

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 16.[4]

Vorkommen und Gefährdung

Das Frühlings-Adonisröschen stammt ursprünglich aus Sibirien und dem Altai. Es ist auch auf Trocken- und Steppenrasen sowie in Kiefernwäldern in Europa und in Westsibirien zu finden. Das Arealzentrum ist westasiatisch-südsibirisch-pontisch-pannonisch.

Die Einwanderung des Frühlings-Adonisröschens nach Mitteleuropa erfolgte erst am Ende der letzten Eiszeit, der Weichseleiszeit. Durch die Tätigkeit der Menschen, Waldrodung und Schafzucht wurden neue Standorte für das Frühlings-Adonisröschen geschaffen. Verbuschung, Wiederbewaldung und der Ackerbau drängten diese Art in Mitteleuropa auf ihre heutigen Reliktvorkommen (sog. Xerothermrelikte) zurück. Alle drei zuletzt genannten Faktoren gefährden auch weiterhin diese mitteleuropäischen Standorte, die ohne Landschaftspflegemaßnahmen auch nicht erhalten bleiben würden.[5]

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Standort bei Mallnow in Brandenburg
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Standort bei Lebus in Brandenburg

In Deutschland kommt das anspruchsvolle Frühlings-Adonisröschen als westlicher Vorposten vor allem in den neuen Bundesländern vor; dort in trockenen Gegenden wie in Brandenburg – wobei das Frühlings-Adonisröschen immer nur lokal verbreitet ist. Nördlich von Frankfurt (Oder) gibt es einige Standorte, beispielsweise am Steilhang der Oder bei Lebus,[6] der Priesterschlucht[7] oder auf Hängen bei Mallnow.[8][5] Die größte zusammenhängende Fläche findet man jedoch in den Bergen zwischen Carzig, Libbenichen und Dolgelin. In Dolgelin gibt es eine jährlich wiederkehrende geführte Wanderung zu den Adonisröschen (in der Regel am 3. Samstag im April).

Nach Westen und Nordwesten tritt das Frühlings-Adonisröschen heute in Deutschland nur noch in getrennten Kleinarealen auf: Etwas häufiger sind dabei Standorte im Mitteldeutschen Trockengebiet, beispielsweise im Gebiet der Thüringer Drei Gleichen,[9] nördliches Harzvorland, am Südhang des Kyffhäuser,[10] „Hühnenküche“ (bei Bebertal in Sachsen-Anhalt),[11] Weinberggrund bei Hecklingen (in Sachsen-Anhalt).[12] Aber nur ganz vereinzelt im Rhein-Main-Trockengebiet, zum Beispiel auf dem Mainzer Sand[13][5] oder den Karlstadter Trockenrasen.[14] In Bayern gibt es nur wenige Fundorte, beispielsweise Sulzheimer Gipshügel, Garchinger Heide[15] und am Sodenberg.[16][17]

In Österreich wächst das Frühlings-Adonisröschen im pannonischen Gebiet in den Bundesländern Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Es tritt häufig bis zerstreut auf, seine Standorte sind jedoch selten. Hauptvorkommen sind Trocken- und Halbtrockenrasen; Nebenvorkommen sind Staudensäume trockenwarmer Standorte.

Allgemein ist das Frühlings-Adonisröschen in kollinen oder montanen Höhenstufen (Alpen und Mittelgebirge) zu finden. Es gedeiht in Trockenwiesen, lichten Föhrenwäldern, sonnigen Eichenwäldern, lockeren Flaumeichenwäldern, Halbtrockenrasen oder auch auf trockenwarmen und buschigen Hügeln. Das Frühlings-Adonisröschen bevorzugt trockene, basen- und kalkreiche, neutrale, humose und lockere Lehm- oder Lössböden.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt & al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2 (mäßig trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 5 (basisch), Temperaturzahl T = 5 (sehr warm-kollin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 5 (kontinental).[18]

Das Frühlings-Adonisröschen wird in Deutschland und der Schweiz mit dem Gefährdungsgrad 3 (gefährdet) bewertet. In Österreich gilt es als gefährdet und steht unter vollständigem gesetzlichen Naturschutz. In Bayern ist es stark gefährdet (Gefährdungsgrad 2).

Adonis vernalis wird seit dem 16. August 2000 bei CITES im Anhang II gelistet.[19] Damit ist der internationale Handel mit der Pflanze, der vor allem als Droge zu medizinischen Zwecken erfolgt, nicht generell verboten, bedarf aber einer vom Ausfuhrland auszustellenden Genehmigung.

Als Gefährdungsursachen gelten Bebauung, Umwandlung von Grün- in Ackerland, Abbau und Abgrabung, Überschüttung und Auffüllung, private und wissenschaftliche Sammler, Verbuschung von Magerrasen.[20]

Pflanzensoziologie

Es ist Kennart der pflanzensoziologischen Assoziation Adonisröschen-Fieder-Zwenken-Rasen (Adonido-Brachypodietum) Krausch 1959.[20] Eine weitere Assoziation, der Adonisröschen-Saum (Adonido-Peucedanetum cervariae, auch als Adonido-Thalictretum minus bezeichnet), aus dem Verband der thermopilen Saumgesellschaften (Geranion sanguinei) wurde von Passarge 1979 beschrieben. Die Assoziation tritt im Gebiet der mittlerem Oder auf. Es wird vermutet, dass sie auch in Polen vorkommt. Typische Arten sind neben dem Frühlings-Adonisröschen die ebenfalls namensgebende Kleine Wiesenraute, sowie Kleines Mädesüß, Ähriger Ehrenpreis, Gewöhnlicher Glatthafer, Färber-Meier, Mittleres Leinblatt, Mittlerer Wegerich und Steppenfenchel. Die Gesellschaft besiedelt flach gelegene Mull-Pararendzinen mit einem pH-Wert zwischen 6,9 und 7,1 auf Moränen der Weichseleiszeit. Standorte sind die Südseite von Hängen, die eine mittlere bis starke Neigung aufweisen. Sie befinden sich im subkontinentalen Klimabereich, der durch eine durchschnittliche Niederschlagsmenge von 480 bis 520 mm pro Jahr charakterisiert ist.[21]

Taxonomie

Die Erstbeschreibung von Adonis vernalis erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Band 1, S. 547–548.[22] Ein Homonym ist Adonis vernalis Asso (veröffentlicht in Syn. Stirp. Aragon. 1779, S. 70). Ein Synonym für Adonis vernalis L. ist Adonanthe vernalis (L.) Spach.[23] Das Artepitheton vernalis bedeutet im „Frühling blühend“ und es ist vom lateinischen Wort ver für Frühling abgeleitet.

Namensherkunft und weitere Trivialnamen

Der Gattungsname Adonis leitet sich von den blutrot-blühenden Arten ab. Nach der griechischen Mythologie verwandelte Aphrodite ihren Liebling Adonis, der durch einen vom eifersüchtigen Ares gesandten Eber getötet wurde, in die blutrote Blume.[24] Von daher ist der Name Adonisröschen für das gelbblühende Frühlings-Adonisröschen nur zu verstehen, wenn man weiß, dass es auch rotblühende Arten gibt, siehe Gattung Adonisröschen.

Darüber hinaus werden oder wurden, zum Teil auch nur regional, auch folgende Trivialnamen verwendet: Christwurz, Böhmische Christwurz (Schlesien), Schwarz Niesswurz, Teufelsaugen (Mark Brandenburg, Schlesien), Ziegenblume (Mark bei Küstrin),[25] Lieberlei.[26]

Verwendung

Gelegentlich wird das Frühlings-Adonisröschen als Zierpflanze in Gärten der Gemäßigten Breiten verwendet. Barlages Großes Buch der Gartenblumen empfiehlt Adonisröschen für wild-romantische Frühlingsgärten, gerne mit Steinen und Felsstücken. Verglichen mit Adonis amurensis bevorzuge Adonis vernalis durchlässigere Böden und vertrage Sommertrockenheit besser. Schädlich sind Staunässe und Schnecken. Pro Quadratmeter brauche man zwölf Pflanzen. Glücksfälle seien blassgelb und gefüllt blühende Selektionen, die im Handel aber nicht benannt sind.[27] Kultivierte Pflanzen fallen nicht unter die Bestimmungen der CITES im Anhang II.[19]

Die Gemeinde Bollstedt führt es im örtlichen Wappen und die DDR-Post gab 1966 eine Sonderbriefmarke heraus.

Medizinische Bedeutung und Inhaltsstoffe

Der russische Mediziner N.O. Bubnoff führte im Jahr 1879 die Pflanze erstmals in die moderne offizinelle Medizin ein. Er setzte Extrakte der Pflanze als herzanregendes Mittel ein. Dies begründete das Interesse an der weiteren Erforschung der Inhaltsstoffe von Adonis vernalis. Im Vorfeld wird insbesondere die Anwendung bei Ödemen innerhalb der Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion von den Autoren Shang et al. hervorgehoben.[28]

Als Heildroge (Adonidis herba, Herba Adonidis, Herba Adonidis vernalis) werden die getrockneten oberirdischen Teile der blühenden Pflanze verwendet. Sie enthalten etwa 30 Cardenolidglykoside, besonders Adonitoxin (Adonitoxigenin)[29] und Cymarin. Weitere Inhaltsstoffe sind Flavonoide wie Adonivernith.

Wie bei allen Pflanzenarten mit herzwirksamen Gykosiden liegen auch hier die giftige und therapeutisch wirksame Dosis eng beieinander. Man verwendet deshalb ausschließlich die auf einen bestimmten Wirkwert eingestellte Droge, um Überdosierung oder Unterdosierung zu vermeiden. Auszüge aus diesem „Eingestellten Adonispulver“ wurden in Kombinationspräparaten, die auch Maiglöckchen-, Meerzwiebel- oder Oleanderauszüge enthielten, bei leichten Fällen von Herzleistungsschwäche sowie bei nervösen Herzbeschwerden mit Unruhegefühl eingesetzt. Die Wirkung der herzwirksamen Glykoside des Adoniskrautes (Herba Adonidis vernalis) setzt schneller ein, ist aber schwächer und weniger anhaltend als beim Roten Fingerhut. Es werden harntreibende und beruhigende Effekte beschrieben.

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts sah 1988 eine Indikation des Adonisröschenkrauts für leichte Herzinsuffizienz und nervöse Begleitsymptomatik.[30] Wegen schwieriger Dosierung wird von der Anwendung abgeraten.[31] Die Homöopathie kennt Adonis bei Herzschwäche mit Nierenproblemen, Rheuma, und Überfunktion der Schilddrüse.[32][33][24][34]

Geschichte

Die in der Antike und im Mittelalter als helleborus niger bezeichnete „Nieswurz“ kann noch im Mittelalter als Frühlings-Adonisröschen gedeutet werden.[35] Wahrscheinlich ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – sicher ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts – wurde das Frühlingsadonisröschen dann als Ersatzstoff für die Schwarze Nieswurz benutzt. Die medizinischen Autoren der Antike hatten angegeben, dass die Wurzel der Schwarzen Nieswurz („elleborus niger“, „melampodion“, „veratrum nigrum“) die Wirkung habe, dass sie im Sinne der Säftelehre Schleim („phlegma“), gelbe Galle („cholera“) und schwarze Galle („melancholia“) durch den Stuhlgang abführe, und dass sie so bei Epilepsie, bei Melancholie, bei Wut, bei Gicht und bei Lähmung heilsam sein sollte.[36][37][38]

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«Elleborus niger» «Schwartz Nießwurtz» – Adonis vernalis. Oben links: Gart der Gesundheit 1485. Oben Mitte: Hortus sanitatis 1491. Oben rechts: Kleines Destillierbuch 1500. Unten links: Hieronymus Bock 1546. Unten rechts: Hieronymus Bock 1551

Abbildungen der «Schwarzen Nieswurz» im Gart der Gesundheit 1485, im Hortus sanitatis 1491 und im Kleinen Destillierbuch 1500

Auffällig ist, dass im Kapitel „Elleborus niger . swartz nyeßwortz“ des 1485 in Mainz gedruckten Gart der Gesundheit eine Pflanze abgebildet war, die keine Ähnlichkeit mit Helleborus-Arten, wohl aber mit dem Frühlingsadonisröschen zeigt. Diese Abbildung wurde – leicht variiert – in die entsprechenden Kapitel des Hortus sanitatis (1491) und des Brunschwigschen Kleinen Destillierbuchs (1500) übernommen. Daraus kann geschlossen werden, dass bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Frühlingsadonisröschen mit der Schwarzen Nieswurz in Verbindung gebracht wurde.[39][40][41]

Abbildungen der «Schwarzen Nieswurz» im Kräuterbuch des Hieronymus Bock 1546 / 1551

Ein sicherer Beleg dafür, dass das Frühlingsadonisröschen als Ersatz für die Schwarze Nieswurz verwendet wurde, findet sich 1539 im Kräuterbuch des Hieronymus Bock. Nachdem Bock in Anlehnung an seinen Lehrer Otto Brunfels die Christwurz der Antike als Grüne Nieswurz oder als Stinkende Nieswurz gedeutet hatte, und nachdem er zu der Erkenntnis gekommen war, dass diese Pflanzen – in Deutschland gesammelt – weniger stark abführend wirken als es nach der Beschreibung der antiken Autoren zu erwarten wäre, ergänzte er:

„Zů dem allen ſo graben die frembden wurtzler gar eyn ander Chriſtwurtz zů Jingelheym auff der heyden zwiſchen Bingen vnd Meintz / die dragen ſie feil / bis gehn Venedig / daſelbst gilt jnen die Jngelheymer wurtzel gelt / vnnd mag meins bedunckens die ſchwartz Nießwurtz ſein.“[42]

In der zweiten Auflage (1546) beschrieb er diese Jngelheimer Pflanze eindeutig als Frühlingsadonisröschen und er nannte sie:

„... die recht ſchwartz Nießwurtzel / welche vnſere wurtzel kremer auch Chriſtwurtz heiſſen“.[43]

In der Nähe des Kurpfälzischen Leiningen hatte er sie 1544 selbst gegraben. Beigefügt war eine Abbildung, die drei blütenlose Stängel des Frühlingsadonisröschens darstellte und die als „Schwartz Nießwurtz“ bezeichnet war. In der dritten Auflage (1551) des New Kreüterbuchs wurde diese Abbildung des Frühlingsadonisröschens durch das Hinzufügen von zwei Blüten vervollständigt.[44]

Kommentare von Handsch und Camerarius im Nieswurz-Kapitel der Dioskurides-Bearbeitung von Mattioli

In der zweiten Ausgabe seines lateinischen Dioskurides-Kommentars (Venedig 1559) schrieb Pietro Andrea Mattioli, dass Hieronymus Bock mit Zustimmung von Conrad Gessner das Frühlingsadonisröschen fälschlicherweise für das Veratrum nigrum (melampodion) des Dioskurides halte.[45] In der 1563 in Prag herausgegebenen deutschen Übersetzung von Mattiolis Werk ergänzte und präzisierte Georg Handsch:

„Noch wechſt im Behmerlandt ein kraut / das brauchen die Apotecker für die rechte ſchwartze Nießwurtz / mit deren es doch in vilen ſtücken nicht zutregt / darumb nenne ichs Pſeudoelleborum nigrum, das iſt vermeinte ſchwartze Nießwurtz. … Wechſt im Behmerlandt in groſſer menge / vnd ſonderlich vmb die ſtadt Prag. … Die Apotecker geben dieſer wurtzlen die kundschafft / das ſie ſo vil vermag / als die ſchwartze Nießwurtz. Mein rath were / man liſſe die rechte ſchwartze Nießwurtz von der ſtadt Steier / oder wo ſie dergleichen wechſt / holen / wie oben gemeldet .“[46]

1586 fügte Joachim Camerarius zu diesem Text eine Ergänzung an:

„... [Das Frühlingsadonisröschen] wechſst auch in Teutſschlandt an viel orten / ſonderlich vmb Jena in Thüringen / Jtem vmb Wien in Oſterreich / da ſie die Kreutterweiber zu Marck bringen für die ſchwartze Nießwurtz. Sol aber nit darfür / wie offt von den Apoteckern geſchihet / gebraucht werden / dieweil man die recht wol haben kan.“[47]

Nachwirkung der Bockschen Interpretation bis ins 18. Jahrhundert

Auch Eucharius Rösslin bezeichnete in seinem Kräuterbuch ab der Ausgabe von 1546 das Frühlingsadonisröschen als:

„... die recht Schwartz nießwurtz.“[48]

Und schließlich wurde in dem von 1557 bis 1783 in 27 Auflagen gedruckten Kreuterbuch des Adam Lonitzer über das Frühlingsadonisröschen berichtet:

„… Vnnd diß iſt die rechte ſchwartze Nießwurtz / wie ſie auch nunmehr bekandt iſt / vnd gebraucht wirt.“[49]

Unterscheidung zwischen Kraut und Wurzel der «Schwarzen Nieswurz»

Hieronymus Brunschwig

Auffällig ist, dass Hieronymus Brunschwig in seinem Kleinen Destillierbuch (1500) zwischen „Christ-Wurtz-Wurtzeln“ und „Christ-Wurtz-Kraut“ unterschied. Die entsprechenden Kapitel waren mit einer Abbildung des Frühlingsadonisröschens versehen.

  • Die Wurzel ohne das Kraut sollte im Ende des August geerntet und destilliert werden. Mit Wein vermischt sollte das Destillat um vier Uhr am Morgen getrunken werden. So werde die Melancholie purgiert und die Stuhlausscheidung werde angeregt.
  • Das Kraut ohne die Wurzel sollte mitten im Mai zerhackt und destilliert werden. Das danach erhaltene Destillat habe eine dem Wurzeldestillat entgegengesetzte Wirkung. Es stopfe den Stuhlgang, während das Destillat aus der Wurzel die Stuhlausscheidung anrege. An jedem Morgen ein halbes bis ganzes Lot (7 bis 14 Gramm) des Destillats vom Kraut getrunken, sollte vor Krankheiten schützen. Als Gewährsmann nannte Brunschwig einen Straßburger Bürger namens Clauß Holant, der an jedem Morgen das pulverisierte Kraut in der Menge einer Haselnuss eingenommen habe und mit 130 Jahren eines natürlichen Todes gestorben sei, ohne je krank gewesen zu sein.[50]

Paracelsus

Auch Paracelsus unterschied in seinem 1525 entstandenen Herbarius zwischen den „Blättern der schwarzen Nießwurz“ und den „Wurzeln der schwarzen Nießwurz“.

  • Für die Wurzel gab er vier Indikationen an: „zum fallenden, zum podagra, zum schlag und zur wassersucht.“
  • Die Blätter sollten im Schatten durch Ostwind („lufft von orient“) getrocknet und anschließend zu Pulver gestoßen werden. Dieses Pulver war mit der gleichen Menge feinem Zucker zu vermischen. Vom 60. bis zum 70. Lebensjahr sollte von dieser Mischung an jedem Morgen 1/2 Quint (ca. 1,8 g), vom 70. bis zum 80. Lebensjahr an jedem zweiten Morgen 1/2 Quint, vom 80. Lebensjahr bis zum Lebensende an jedem sechsten Morgen 1/2 Quint eingenommen werden. Dadurch würde der Mensch vor allen Krankheiten behütet.[51]

Arzneibücher des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert wurden im Preußischen Arzneibuch zunächst die Wurzeln der Schneerose (1805), und ab der siebten Auflage (1864) die Wurzeln der Grünen Nieswurz als Lieferanten für die Droge „Helleborus niger“ genannt. Dabei wurde stets betont, dass eine „Verwechselung“ mit den Wurzeln des Frühlingsadonisröschens auszuschließen sei.[52][53][54][55]

Das Kraut des Frühlingsadonisröschens in der Russischen Volksmedizin

Abgeleitet aus der Volksmedizin setzte Bubnow in Russland ab 1879 einen Aufguss des Frühlingsadonisröschen-Krautes zur Steigerung der Diurese, zur Regulierung der Herztätigkeit sowie zur Beseitigung pleuritischer Exsudate ein. In der Folge wurden standardisierte Zubereitungen aus dem Kraut zur Behandlung von Herzkrankheiten verwendet.[56][57][58]

1881 stellte der italienische Arzt Vincenzo Cervello (1854–1918) aus dem Frühlingsadonisröschen-Kraut ein Glykosid dar, das er Adonidin nannte.[59][60]

Medizinhistorische Sekundärliteratur des 20. und 21. Jahrhunderts

  • Brigitte Baumann, Helmut Baumann 2010: Die Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln – „Herbarius Moguntinus“ (1484) – „Gart der Gesundheit“ (1485) – „Hortus Sanitatis (1491).“ Wissenschaftshistorische Untersuchungen der drei Prototypen botanisch-medizinischer Literatur des Spätmittelalters. Anton Hiersemann, Stuttgart 2010, S. 238
  • Hermann Fischer: Mittelalterliche Pflanzenkunde. Verlag der Münchner Drucke, München 1929, S. 86: 166. Elleborus niger swartz nyeßwortz. Das Bild [im Gart der Gesundheit] zeigt nach TREW (1759) Adonis vernalis; S. 257: Adonis vernalis L. / elleborus niger, melampodium (Gart) – swartz nyeßwurtz (Gart), edele luminadi (?), lieberlei (Brunschwig)
  • Hans Fischer: Helleborus im Altertum und bei Paracelsus. In: Linus Birchler, Fritz Medicus und Hans Fischer. Beiträge zur Charakteristik von Theophrastus Paracelsus. Schwabe, Basel 1936, S. 23–40
  • Brigitte Hoppe: Das Kräuterbuch des Hieronymus Bock. Wissenschaftshistorische Untersuchung. Mit einem Verzeichnis sämtlicher Pflanzen des Werkes, der literarischen Quellen der Heilanzeigen und der Anwendungen der Pflanzen. Hiersemann, Stuttgart 1969, S. 206
  • Gerhard Madaus: Lehrbuch der biologischen Heilmittel. Abteilung I: Heilpflanzen. Thieme, Leipzig 1938, Band 1, S. 406–412 doi:10.24355/dbbs.084-201010280800-0.
  • Heinrich Marzell: Wörterbuch der Deutschen Pflanzennamen. Hirzel, Leipzig 1943, Band 1, Sp. 122–123
  • Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Nieswurz. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, New York, Berlin 2007, S. 1050: „… Offizinell ist seit dem Ende des 15. Jh. „Radix hellebori nigri“, wobei durch mangelnde Identifizierbarkeit nicht klar wird, welche Pflanze für das Arzneimittel verwendet wurde ...“
  • Wolfgang Schneider, Dietrich Arends, Erika Hickel: Das Warenlager einer mittelalterlichen Apotheke: (Ratsapotheke Lüneburg 1475). In: Veröffentlichungen aus dem Pharmaziegeschichtlichen Seminar der TH Braunschweig, 1957/4, Braunschweig 1960 (Digitalisat), S. 74 (No 475) Radix Christiana. Von Christwurz, Helleborus viridis L. – (No 491) Radix hellebori nigri. Von schwarzer Nießwurz, Helleborus niger L.
  • Wolfgang Schneider: Lexikon zur Arzneimittelgeschichte. Govi Verlag, Frankfurt am Main, Band 5/1 (1974), S. 48–49: Adonis (Digitalisat); Band 5/2, S. 160–163: Helleborus niger (Digitalisat)
  • Ulrich Stoll: De tempore herbarum. Vegetabilische Heilmittel im Spiegel von Kräuter-Sammel-Kalendern des Mittelalters: Eine Bestandsaufnahme. In: Peter Dilg, Gundolf Keil, Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.): Rhythmus und Saisonalität. Kongreßakten des 5. Symposions des Mediävistenverbandes in Göttingen 1993. Sigmaringen 1995, ISBN 3-7995-5404-1, S. 347–375, hier: S. 360.

Quellen

  • Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 3., verbesserte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9.
  • Gerhard Madaus. Lehrbuch der biologischen Heilmittel. 4 Bände. Thieme, Leipzig 1938; Neudruck Hildesheim 1976, Band I, S. 406–412 (Digitalisat)
  • Adonis vernalis, Homöopathische Arzneimittelprüfung, Dr. B. K. Bose Stiftung, 2003: Volltext. (PDF)
  • Adonis vernalis L., Frühlings-Adonisröschen. auf FloraWeb.de
  • Adonis vernalis – Frühlings-Adonisröschen von WWF-Traffik. (PDF; 113 kB)
  • Dagmar Lange: Conservation and Sustainable Use of Adonis vernalis, a Medicinal Plant in International Trade. In: Plant species conservation monographs 1. Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup, 2000.
Commons: Frühlings-Adonisröschen (Adonis vernalis) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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